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Alfa Romeo 2000 Vignale.

Eine Fuoriserie mit eigener Typenbezeichnung.

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Das Wiederauffinden des Alfa Romeo 2000-S Vignale, der in den 1960er bis Mitte der 70er Jahre in unserem Familienbesitz war, hat mich dazu bewogen, Herkunft und Geschichte dieses Exoten zu durchleuchten und zu dokumentieren. Dabei hat sich herausgestellt, dass es sich hierbei um das Erstfahrzeug einer Fuoriserie mit verschiedenen Modellvarianten handelt, die zwischen 1958 und 1961 beim italienischen Carrosseriebauer Vignale entstanden sind.

Diese weitgehend unbekannte Typenreihe 102.02 verdient es nun, genauer betrachtet zu werden. Einerseits, weil diese Fahrzeuge in einer Zeit entwickelt und gebaut wurden, in der Kreativität, Geschick und handwerkliches Können im Vordergrund standen. Andererseits - und das ist der eigentliche Grund - weil hier der junge Giovanni Michelotti, ein äusserst begabter, kreativer und strebsamer Designer und sein langjähriger Geschäftspartner Alfredo Vignale, ein begnadeter Blechkünstler und Tüftler am Werke waren. Was Michelotti meisterhaft auf Papier brachte, entstand in den Turiner Werkhallen von Vignale in Handarbeit durch ein paar wenige Könner. Die enge Zusammenarbeit der beiden brachte u.A. einige der schönsten und heute wertvollsten Kreationen im Automobilbau hervor.

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Die Technische Basis.

Von 1958 bis 1961 wurden insgesamt 47 Chassis des zur gleichen Zeit in Serie gegangenen 2000 Spider von Touring für den Bau von Coupé's umgebaut. Sie erhielten die Typen-Bezeichnung 102.02 und wurden nach und nach an die Carrozzeria Vignale geliefert. Die Fahrgestell-Nummern begannen mit *00001 und endeten mit *00047. Die Motoren stammten aus der Produktion der für die Spider weiterentwickelten 1900er Baureihe (1975 ccm, 115 PS) mit der entsprechenden Typenbezeichnung 002.04. Der Motor des Vignale-Erstfahrzeugs trägt die Nummer *00010, ist also einer der ersten 2000er Motoren.

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Der Prototyp am Turiner Salon 1958...


Foto: Dr. Eberhard Seifert, Murnau ; Archiv: Deutsches Museum München©

Das Alfa Romeo 2000 Coupé 2+2 stach besonders hervor durch das markante Scudetto, das tief in die Stossstange eintauchte. Das Alfa-Logo - üblicherweise im Scudetto integriert - fand hier seinen Platz auf der Karrosserie oberhalb des Kühlergrills. Die voluminöse Stossstange mit den grossen Hörnern verleiht der Front einen amerikanischen Touch. Auch die Heckpartie mit dem grossen Kofferraum, flankiert von zwei seitlichen Heckflossen, an deren Ende schlanke vertikale Rücklichter angebracht sind, entspricht dem damaligen Trend mit Blick nach Übersee. Die Heckklappe reisst kantig ab und verläuft, leicht zurückgesetzt, bis zur Stossstange hinunter, die seitlich herumgezogen bis zu den hinteren Radkästen verläuft. Die niedrige Gürtellinie mit dem leichten "Hüftschwung", die Panorama-scheibe und die schlanken A-und B-Säulen geben dem Aufbau grosse Leichtigkeit.

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... und am Genfer Salon 1959.


Foto: Dr. Eberhard Seifert, Murnau; Archiv: Deutsches Museum, München©


Skizze von Giovanni Michelotti

Für den Genfer Autosalon im März 1959 wurde der Wagen modifiziert und erhielt seine heutige Form. So wurde z.B. der Frontbereich filigraner gestaltet und erhielt nun mit den beiden "Schnautzbärten" und dem 2000er Scudetto grosse Ähnlichkeit mit dem "Gesicht" des Spiders. Die seitlich angedeuteten Chrom-Kiemen rutschten nach unten zum Schwellenbereich, die Zierleiste wurde nach vorn gezogen und erhielt einen integrierten Blinker. Das Heck blieb weitgehend erhalten, lediglich die vertikalen Rückleuchten verliefen nun bis zur Oberkante der Heckflossen und übernahmen deren spitze Kante. Diese Eingriffe liessen den Wagen leichter und eleganter erscheinen und hoben die Verwandtschaft mit den anderen, gleichzeitig produzierten 2000er Modellen, der 6-plätzigen Berlina (Typ 102.00) und dem Spider (Typ 102.04) hervor.

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Spätere Modellvarianten.

Auf den Salons in Turin 1960 und Genf 1961 präsentierte Vignale eine in der Form stark überarbeitete Modellvariante. Diese hatte mit der Vorgänger-Version - ausser dem Interieur - nicht mehr viel gemeinsam. Die Gürtellinie war nun gerade, ohne den leichten "Hüftschwung" bei der C-Säule und die Rücklichter stammten vom Spider. Die Frontpartie mit den trendigen Doppelscheinwerfern in den langen und schräg zur Motorhaube abfallenden Radkasten-Gehäusen war klar und schnörkellos. Die Stoss-stangenhörner entfielen, nur das Scudetto und die beiden "Schnautzbärte" mit den integrierten Blinkern, die nun bis nach Aussen gezogen wurden, blieben erhalten.

  
Turiner Autosalon 1960. Quelle: alphaplus


Genfer Autosalon 1961

Die letzte Schöpfung vom Team Michelotti/Vignale wies starke Ähnlichkeit zwischen dem von Bertone entwickelten "2000 Sprint" und dem "2000 Praho" von Touring auf. Die Silhuette war leichter geworden, was insbesondere an der geschwungenen, im Heck leicht nach unten geneigten Gürtellinie lag. Die Doppelscheinwerfer - diesmal in einem kleineren, ovalen Gehäuse - standen gegenüber den etwas schmaleren "Schnauzbärten" vor und die obere Hälfte des Scudetto war nach hinten zur Kühlerhaube gezogen. Die Rücklichter vom Spider wurden auch hier wieder verwendet, allerdings unter einer oben gerundeten und seitlich nach unten gezogenen Abrisskante.

  
Fotos aus "Ferrari and all the others" von A. Zanellato Vignale.

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Das Chassis des Prototypen...

trägt die Nummer AR10202*00001 und wurde bei Alfa Romeo unter der internen Bezeichnung 2000-C (C=Carrozzieri) am 15.9.1958, drei Monate vor dem Turiner Salon, produziert und am 27.5.1959 an Vignale verkauft.

Das in Genf vorgestellte Coupé gefiel einem Zürcher Juwelier so sehr, dass er es spontan bestellte. Bei Vignale in Turin wurde das Fahrzeug fertiggestellt und in einen dunklen Grauton umlackiert. Der Wagen wurde am 16.9.1959 durch Alfa Romeo (svizzera) S.A. in Agno/Lugano in die Schweiz eingeführt. Das Autohaus Iten in Zug überführte den Vignale nach Zürich und übergab ihn dem stolzen Besitzer. Zwei Jahre später kaufte ihn mein Vater, Julius Bertschinger.

Hier einige Bilder aus unserem Familienarchiv. Oben: Auf Passfahrten 1962. Unten: Der 20-jährige Max in rasanter Kurvenfahrt 1973.

 

  
 

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Das 2000-S Coupé von Vignale ist seit 2007 wieder im Besitz der Familie Bertschinger.

  

   

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...und als Modell von MATRIX im Mstb. 1:43

   

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